Nebliger Zauber und Musik!

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Vom 22.–26. November bin ich zurück nach Luzern gereist, um die Stadt noch weiter nach spannenden Tönen zu erkunden – und nicht nur neue Geräusche durfte ich entdecken, sondern auch sehr viel Musik: Neben einer unbeschreiblich verrückten Probe eines lokalen Guggenmusik Ensembles hörte ich wunderbare Klaviermusik auf dem Piano-Festival (zum Beispiel ein großartiges Pollini Konzert), leitete einen Workshop und traf eine Reihe faszinierender Menschen, mit denen ich Ideen und potentielle Kollaborationen diskutierte. Für eine sehr idyllische, ruhige und geschichtsträchtige Stadt ist es doch jedes Mal recht geschäftig, wenn ich in Luzern bin; teilweise weil wir versuchen, so viele Aktivitäten wie möglich in meinen Kalender zu pressen bevor ich zurück nach Boston fliege, und weil Luzern einfach eine nie versiegende Quelle von Musik, Ideen und Leben ist. All diese Eindrücke, Gespräche und Improvisationen nähren meine Gedanken über unsere kollaborative Sinfonie, und ich freue mich sehr über die wachsende Anzahl von Klängen und Geräuschen, die Ihr alle in und um Luzern aufnehmt.

Mein Aufenthalt in Luzern begann mit dem Besuch einiger Touristenattraktionen, die mich nachhaltig beeindruckt haben. So ist das „Bourbaki Panorama“ so etwas wie ein 3D-Kino oder „Oculus Rift“ des 19. Jahrhunderts mit packenden Bildern und eindringlicher Geschichte. Das Löwendenkmal ist überraschend in seiner Größe und seinem Detailreichtum, umgeben von einem massiven Felsen, dessen geologische Risse wunderbar zu den Werkzeugspuren des Bildhauers passen. Eine Oase der Ruhe mit einer aussergewöhnlichen Akustik fast stillen Wassers, gemischt mit zurückhaltendem Geplauder und Lachen der internationalen Besucher. Dann besuchte ich den faszinierenden Gletschergarten, eine Offenbarung, die meine Vorahnung bestätigte, dass Wasser in der Tat die verbindende Kraft in und um Luzern ist. Man konnte wunderbar sehen, wie der kilometer-lange Gletscher, der vor vielen tausenden Jahren die ganze Region bedeckte, Berge und Täler geformt und Seen und Flüsse gefüllt hat. Besonders interessant war die Form der vom Gletscherwasser geschliffenen Höhlen, die im exakt gleichen Bogen verlaufen wie das Wasser, welches das Reusswehr umfliesst.


Am Nachmittag desselben Tages fand unser Workshop im KKL statt, bei dem ich ein wenig über den Stand der Dinge unserer Sinfonie für Luzern erzählte und die neue Höre Luzern App präsentierte, mit der jeder ganz einfach Klänge der Stadt aufnehmen und mit anderen teilen kann. Ausserdem spielte ich einige meiner Lieblingsklänge: Kühe, Jodler, ein Schiffshorn und Brunnengeplätscher. Dank des gerade stattfindenden Piano-Festivals konnten wir drei experimentierfreudige und kreative Pianisten unterschiedlicher Genres finden, die gemeinsam mit uns versuchten, aufgezeichnete Klänge in Musik zu verwandeln.

Anita Schaufelberger, Michael Mahnig und Leo Tardin schafften es auf unglaublich kreative Weise, drei von mir zuvor zusammengestellte „Klingende Traumlandschaften“ zu re-interpretieren. Zunächst hörte jeder der drei Pianisten die jeweils 1-minütigen Klang-Collagen zu den Themen „Wasser“, „Glocken“ und „Stimmen“. Nun waren die Tastenvirtuosen gefragt, die gleichen Klänge und Gefühle auf dem Klavier zu erzeugen – eine unglaublich schwierige Aufgabe, die unsere Pianisten überzeugend meisterten, indem sie zeigten, dass musikalisches Vorstellungsvermögen Brücken zwischen den unterschiedlichsten Klangwelten schlagen kann und dass „Geräusch“ und „Musik“ manchmal gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Am Ende des Workshops hörten wir noch eine weitere Klang-Collage, die ich aus Aufnahmen eines Workshops mit dem Lucerne Festival Orchestra bei meinem letzten Besuch im August zusammengestellt hatte: Mehrere Schichten komplexer Texturen, verwoben mit einer filigranen Melodie, fließen innerhalb einer Oktave (g und g’) ineinander und spiegeln das viele Wasser in Luzern, das in und aus dem Vierwaldstättersee fliesst. Um diese „klavierfremde“ Collage umzusetzen, versammelten sich alle drei Pianisten an einem Flügel und überraschten uns alle mit einer virtuosen Interpretation von magischer Schönheit. Genau diese Momente des gemeinsamen Hörens und Erlebens von Klängen in all ihrer Vielfalt machen dieses Projekt so interessant und wertvoll für mich.

Die verbleibenden Tage in Luzern verbrachte ich mit vielen Sitzungen und weiteren Klangerkundungen. Ich hatte die Möglichkeit mit Musikern unterschiedlicher Genres, Bürgervertretern, Leitern verschiedener Institutionen und mit Experten in Stadtgeschichte und Geografie zu sprechen und deren Blick auf Luzern kennenzulernen und zu verstehen. Meine weiteren Klangerkundungen drehten sich ganz um das Thema Wasser: Neben meinen Spaziergängen in der Stadt und an der Reuss habe ich in zwei sehr interessanten Büchern – Luzerner Brunnen (Rüesch und Meyer, Reuss Verlag Luzern 1988) and Gestautes Wasser | Regulierter See (Gianni Paravicini, Kantonaler Lehrmittelverlag Luzern 2013) – viel Wissenswertes über dieses Thema erfahren. Besonders interessant war es, sehr früh am Morgen oder sehr spät in der Nacht durch Luzern zu gehen – fast niemand ist zu diesen Zeiten unterwegs und man sieht wesentlich weniger Fahrräder und Autos als am Tag.

Während meiner Zeit in Luzern war die Stadt meist in dichten Nebel gehüllt, die Strassenlampen strahlten in diffusem Licht, die Kanten der Gebäude wirkten verschwommen und die Luft war gefüllt mit feuchtem Dunst, der den Himmel mit Fluss und See zu verbinden schien. Mit meinem kleinen Aufnahmegerät in der Hand und den beiden stereofonen Mikrofonen in meinen Ohren konnte ich hören wie sich mit jedem Schritt Tonhöhe, Lautstärke und Klangfarbe des Flusses änderte, je nachdem wie das Wasser fliesst und wie die Geräusche von den angrenzenden Gebäuden reflektiert werden. Neben den Aufnahmen der Reuss habe ich versucht, möglichst viele der 225 Brunnen in Luzern zu besuchen – und jeden einzelnen mit seinem einzigartigen Klang, seinem Charakter und seiner Geschichte einzufangen.

Warum gibt es in einer recht kleinen Stadt wie Luzern trotz des vielen Wassers in See und Fluss so viele Brunnen? Das ist eines der vielen Geheimnisse, denen ich auf den Grund gehen möchte, um mehr und mehr von der Magie dieser Stadt zu verstehen und – mit Eurer Hilfe – nach der Musik suche, die Luzern am besten repräsentiert.

Mit herzlichen Grüssen aus dem frostigen Waltham (in der Nähe von Boston)

Tod

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