Wie ich mit Luzern spiele

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Tod Machover bloggt aus Boston

Ihr könnt Euch das vielleicht schwer vorstellen, aber ich sitze heute Morgen in meinem Musikstudio (einer Scheune aus dem 18. Jahrhundert bei Boston) … und höre Luzern zu!

Hier ist es grau und regnerisch, und die erste Kälte des Winters liegt in der Luft, während ich umgeben bin von den wunderschönen Klängen des Luzerner Wassers: dem Plätschern der Brunnen auf den Plätzen der Stadt; dem Regen, der auf Dächer und Bordsteine prasselt; dem Vierwaldstättersee See – einmal still, einmal aufgewühlt von den Schaufelrädern der Raddampfer; der tosenden und gurgelnden Reuss. Hinzu kommen Gespräche, Gelächter, alle möglichen Arten von Musik (vom LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra über Jodelklänge bis zu Alphorn, Kirchenorgel und Strassenflamenco). Und natürlich Glocken, Glocken und nochmals. Glocken: an Kühen, in Kirchen, in den Strassenbahnen. Alle läuten sie sanft, aber rhythmisch.

Welch ein Vergnügen, auf diese Weise in Luzern einzutauchen – und das aus dieser Entfernung! Genau darin besteht die Macht der Musik und ganz besonders die Kraft von Geräuschkulissen: Alles Hörbare ergreift unsere Ohren und regt unmittelbar unsere Vorstellungkraft an. Ohne dass Worte oder Bilder nötig wären, bringen uns Klänge dazu, ein Gefühl für Geschichten und Orte zu entwickeln; sie führen uns zurück an Stätten, die wir einmal besucht haben, oder lassen uns etwas völlig Neues entdecken.

Seit meinem letzten Besuch in Luzern während der Festivalzeit im August habe ich zahlreiche Tonaufnahmen aus der ganzen Stadt erhalten und habe sie in eine Form gebracht, die es mir erlaubt, einzelne Klänge abzuspielen, sie mit anderen, ähnlichen Klängen zu verbinden oder kontrastierenden Klängen gegenüberzustellen, sie in komplexen Collagen übereinanderzulagern oder sie in der zeitlichen Abfolge so zu verbinden, dass traumartige Flugbahnen durch die Stadt und ihre Umgebung entstehen.

Während ich auf diese Weise mit Luzern «spiele», ergreift mich die sanfte, einladende Aura der Stadt, der singende Tonfall ihrer Stimmen und Lieder, der entzückende Widerhall ihrer Holzbrücken und Fussgängerwege und die allumfassende Stille, die so beruhigend wirkt – auf Kühe genauso wie auf Autos.

Vom 22. bis zum 26. November kehre ich noch einmal nach Luzern zurück, um meine Klangerkundungen fortzusetzen und – hoffentlich – einige von Euch zu treffen: Während der Konzerte des Piano-Festivals im KKL oder bei unserem Workshop «Vom Klang zur Musik», der am Sonntag, dem 23. November, um 15.00 Uhr stattfindet.

Wie Ihr vielleicht wisst, haben wir in Boston eine App entwickelt, mit der Ihr auf ganz einfache Weise, nämlich mit Eurem Handy oder Tablet, alle möglichen Klänge aufnehmen, sie einem bestimmten Ort zuweisen und Euch auch alle anderen bereits hochgeladenen Klänge anhören könnt. Zudem werden wir bald weitere Online-Apps vorstellen, die es möglich machen, verschiedene Klänge zu kombinieren – genauso, wie ich es gerade in meinem Studio mache. Auf diese Weise könnt Ihr alle dazu beitragen, die Texturen und Achsen unserer gemeinsamen Sinfonie für Luzern zu gestalten.

Zeit damit zu verbringen, sich in der klingenden Schönheit Luzerns zu verlieren, macht enormen Spass. Ein noch grösseres Vergnügen ist es allerdings, die musikalischen Geschichten, die ich dabei entdecke, mit Euch zu teilen. Ich würde mich deshalb freuen, wenn Ihr diesen Blog regelmässig besucht (ich verspreche, in Zukunft öfter zu schreiben!), auf der «Eine Sinfonie für Luzern»-Homepage nach Updates Ausschau haltet und mich bei meiner musikalischen Reise begleitet, die die wesentlichen Eigenschaften dieser besonderen Stadt aufspüren soll – für die Menschen von nah und fern, für jetzt und spätere Zeiten.

Mit klingenden Grüssen
Tod

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