Luzern komponieren #1

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von Tod Machover, 5. Juli 2015

Nachdem ich das letzte Jahr damit verbracht habe Luzern zuzuhören und die Menschen vor Ort kennenzulernen, arbeite ich nun intensiv daran Luzerns musikalisches Porträt Eine Sinfonie für Luzern zu komponieren. Natürlich habe ich mir schon länger vorgestellt, wie alle verschiedenen Klänge, nd was für eine Stimmung dieses Stück haben könnte. Aber die Magie entsteht erst, wenn man sich hinsetzt und beginnt Entscheidungen zu treffen – grosse und kleine – für alle Teile der Sinfonie.die ich gesammelt habe, zusammenpassen u

Zuerst musste ich alle Klänge von Luzern sortieren, die seit Juni 2014 gesammelt wurden. Ehrlich gesagt habe ich viel mehr Klänge erhalten, als ich erwartet hatte. Gemeinsam mit einer Gruppe Studierender des MIT Media Lab habe ich über mehrere Wochen alle Klänge zusammengestellt, dann kategorisiert (nach Person, Ort, Typ, Stimmung etc.) und jede Aufnahme angehört.

Als Nächstes haben wir die Aufnahmen geschnitten, um den speziellsten, provokativsten und schönsten Moment jeder Aufnahme herauszufiltern. Da die Sound-Dateien, die ich erhalten habe, in der Länge variierten – von sehr kurz (ein, zwei Sekunden) bis sehr lang (Minuten und in einigen Fällen sogar Stunden!) – brauchte es dafür sehr viel Zeit und Sorgfalt. Es ist sozusagen eine eigene künstlerische Arbeit. Stellt Euch vor, wie es ist ein aufgenommenes Radio-Interview zu bearbeiten: Finde den zentralen Aspekt der Geschichte, nimm die Schnaufer und die „ähms“ heraus und reduziere viele Minuten auf das Wesentliche. Mit jeder einzelnen Aufnahme, die ich erhalten habe, musste ich einen solchen Vorgang wiederholen. Glücklicherweise konnte ich einigen meiner Studenten zeigen, wie sie mir bei dieser akribischen und zeitaufwendigen Arbeit helfen können.

Ein anderer Prozess, der parallel dazu ablief, war die Bearbeitung der originellen Kompositionen, die viele Schüler in Luzern mit unserer Hyperscore-Software erstellt hatten. Hier wurden keine Töne aufgenommen, sondern Musikstücke eingereicht, denn mit der Hyperscore-Software kombiniert man Melodien und Rhythmen, die mit Linien und Farben dargestellt werden, und lässt daraus ein Musikstück entstehen. Die Komposition kann man sich direkt auf seinem Computer anhören und sie in Noten transformieren, die von Musikern live gespielt werden können. Für Eine Sinfonie für Luzern habe ich etwa 20 tolle Kompositionen von Schülern im Alter von 7 bis 17 Jahren ausgewählt, die ich in die Komposition integrieren werde.

Die aufgenommenen Klänge und Hyperscore-Stücke habe ich in den letzten Wochen nicht nur angehört und bearbeitet, sondern mir auch vorgestellt, welche speziellen Synergien und Überraschungen möglich sind, wenn ein Klang sich mit einem anderen mischt und sich daraus neue Beziehungen ergeben. All diese Sounds auf ungewöhnliche Weise miteinander kommunizieren zu lassen, ist für mich eines der grössten Vergnügen bei meinen Mitmach-Sinfonien.

Neben der Arbeit mit den eingereichten Klängen und Kompositionen, habe ich auch meine eigene Musik kreiert – Melodien, Harmonien, Rhythmen, Klangfarben – die durch Luzern inspiriert wurde. Einige dieser Stücke versuchen den echten Klang – zum Beispiel die verschiedenen Formen von Wasser in Luzern – in instrumentale Klänge zu übersetzen, so dass ein Orchester den Fluss oder See oder einen der vielen Brunnen «spielt». Andere Teile sind dagegen eher metaphorisch, so imitieren melodische Motive das Fliessen des Wassers oder Beats und Stille die Geräusche von Konversationen. Einige der Teile, die ich komponiere, sind einfach nur durch Luzern inspiriert und sind – wie alle Musik – schwierig mit Worten zu beschreiben. Aber ich glaube sie geben einiges von der Schönheit, Einfachheit, Bescheidenheit und Stabilität wieder, die ich in dieser bemerkenswerten Stadt gefunden habe.

Zuletzt habe ich das ganze Material in einer acht-sätzigen Struktur angelegt, wobei jede Sektion einen eigenen Charakter erhalten hat und ohne Pause von einer in die nächste übergeht. Einige der wundervollen Menschen, die ich kennengelernt habe, tauschen kontinuierlich mit mir Ideen aus, während ich die Sinfonie komponiere. Und so passe ich, während ich diesen Bericht schreibe, den Schluss der Sinfonie nochmal an, um neue Ideen der «Mit-Komponisten» einfliessen zu lassen.

Ich habe mittlerweile alle Teile der Sinfonie zusammengestellt und arbeite nun an den Details um die «Magie» der Sinfonie zu erschaffen. Ein grosser Teil ist bereits erledigt, aber ein grosser Teil steht auch noch bevor. Was mich am glücklichsten macht, ist, dass das Enstehende wirklich nach Luzern klingt, etwas, das nicht in Worten ausgedrückt werden kann, sondern nur durch Musik.

Ich schreibe bald wieder um Euch auf dem Laufenden zu halten und ich kann es kaum erwarten Eine Sinfonie für Luzern am 5. September mit Euch zu teilen. In der Zwischenzeit wisst Ihr, woran ich arbeite!

Mit herzlichen Grüssen aus Waltham, Massachusetts.
Tod Machover

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