Abenteuer Fasnacht

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Tod Machover, February 23, 2015

Seit Monaten habe ich geplant die Fasnacht in Luzern zu besuchen, wohlwissend, dass die Fasnacht den Charakter und Klang der Stadt prägt und dass es ein Abenteuer sein würde, das ich austesten wollte als Teil der Sinfonie für Luzern. Ich wusste allerdings nicht, was für ein Abenteuer mich dort erwartete.

Mein Flug sollte Sonntagnacht von Boston (wo ich wohne) nach Zürich gehen, um Montag (16.2.) und Dienstag (17.2.) in Luzern an der Fasnacht teilzunehmen. Boston erlebt dieses Jahr einen Winter mit historischen Schneemassen, und ausgerechnet für das Wochenende vom 14./15. Februar waren erneut heftige Schneestürme angekündigt. Samstagmorgen erfuhr ich, dass mein Flug nach Zürich aufgrund des Schnees gestrichen wurde und dass keine anderen Flüge Boston verlassen konnten für die nächsten Tage. Was tun ?!? Eines war klar: Fasnacht konnte ich unmöglich verpassen. Ich entdeckte einen späten Flug von New York nach Zürich an diesem Samstagabend, der noch einen einzigen Platz frei hatte. Also buchte ich mir rasch ein Mietauto und fuhr fünf Stunden im Schneeturm zum Newark Airport und erwischte gerade noch meinen Flug nach Zürich.

In Zürich hatte ich noch ein wenig Zeit mich auszuruhen und kam am Montagmorgen nach Luzern: Was für ein anderes Gesicht die Stadt plötzlich zeigte.

Und wie sich die Stimmung mit jeder Stunde über den Tag hinweg veränderte. Montagmorgen war ruhiger, als ich erwartet hatte, aber das änderte sich schnell: mit Näherrücken des Umzugs um 14 Uhr versammelten sich Gruppen, tauchten verkleidete Menschen auf und wurden Trommeln gespielt. Mit Freunden – ich in meinem geliehenen Kostüm als Jockey mit einem grossen Pferdekopf – fanden wir einen guten Platz entlang der Umzugsstrecke – zufällig – direkt gegenüber dem Büro von Lucerne Festival. Die Menge wurde grösser und grösser, tolle Kostüme überall, und endlich begann der Umzug der Guggenmusikgruppen. Ich war zwar vorbereitet auf das Spektakel und die wilden Masken, war aber hin und weg von der Vielfalt der Kostüme jeder Gruppe, von der individuellen Sorgfalt, mit der Thema und Kostüme gewählt wurden, von der Identität jeder einzelnen Gruppe und jedes Festwagens, vom Stolz der beteiligten Musiker. Stampfende grosse Trommeln und schmetterndes Blech, die vielen Lautsprecher, wilde Musik zugleich vertraut und vollkommen fremd. Die Kraft dieser Musik, das laute Gequatsche der Menge, das Schreien der Kinder und die anhaltende Energie für fast drei Stunden erzeugte einen beeindruckenden, schrägen Klang, den ich nie zuvor in Luzern gehört hatte und der auch sonst ziemlich einzigartig ist.

Nach dem Umzug schlenderte ich durch die Stadt bis spät in die Nacht, schlief ein bisschen und machte mich am Dienstag um 11 Uhr dann wieder auf zu weiteren Entdeckungen. Ich war erstaunt das stille und zurückhaltende Luzern, das ich bisher kannte, als eine riesige Bühne für Ausstellungen, Vorführungen, Neugier, Überschwänglichkeit und Überraschung verwandelt zu sehen . Meine Lieblingsbeschäftigung während der Fasnacht war herumzulaufen, kreuz und quer durch kleine Gassen, am Fluss und Seeufer entlang, über die Brücken, auf den Hügel zur Stadtmauer und wieder zurück zur Reuss. Dabei konnte ich meinen eigenen Fasnachtsmix aufnehmen, die kontrastreichen Rhythmen unterschiedlicher Guggenmusikgruppen, die im Chaos unterschiedlichster Rhythmen und Klänge untertauchen, oder auf einem höheren Punkt, von dem aus die Mischung der – wörtlich – hunderte unterschiedlichen Klänge irgendwie sanft und träumerisch wurde und mich an etwas erinnerte, was sich vielleicht mein Landsmann Charles Ives vorgestellt haben mag. Im Zentrum dagegen – und immer mehr, je später es wurde – ermöglichte jeder Schritt und jedes Kopf-drehen einen neuen Sound, hallte um die Ecke, schallte von einem Bandpodium, rollte über Lautsprecher und sprang zwischen jungen und alten Stimmen. Ich war überwältigt, wie die Fasnacht Menschen allen Alters anzieht – von den jüngsten bis zu den ältesten (manche der erschreckendsten Kostüme stellen Alter, Verfall und Tod dar) – und diese sich trotzdem eigene Bereiche schufen und so die einzelnen Altersgruppen für sich feierten (Teenager zum Beispiel schienen eher am Reussufer auf Altstadtseite zu feiern). Aber genauso häufig waren Menschen jeden Alters und Hintergrunds von den selben Plätzen angezogen, tanzten wild zu einer Gruppe als Tukan verkleideter Trommler oder mit Totenköpfen maskierter Blechbläser.

Überall gab es kleine Gruppen, von Familien mit ähnlichen Kostümen über Pärchen, die sich ein Kostüm teilten hin zu den berühmten Guggenmusikgruppen, die das ganze Jahr daran arbeiten, diese paar intensiven Fasnachtstage musikalisch und visuell vorzubereiten.

Ich hatte das Glück im November einer dieser Guggenmusikgruppen vorgestellt zu werden – die Barfuessfäger Lozärn – und besuchte eine ihrer ersten Proben. Selbstverständlich war es eine besondere Freude, sie erneut bei der Fasnacht zu sehen, ihr „Sack-Kostüm“ zu sehen (alles selbstgemacht natürlich), zu hören, wie ihre Version von Standards wie Hello Dolly sich entwickelt hatte und die tiefe Verbundenheit zu spüren, die sich entwickelt hatte, seit wir uns gesehen hatten. Ich ging mit ihnen zu einem Abendessen, einer Performance in einem Restaurant, zu Strassenauftritten und zu einer Multi-Band-Session in meinem Lieblingshotel in Luzern, dem Wilden Mann (der Wilden Mann, das – ich war gewarnt worden – von einem mittelalterlichen verträumten Hafen zu einer unglaublich lauten Karnevals-Hochburg während Fasnacht wurde) und dann zu einem feierlichen Essen mit einem Auftritt für ihre engsten Freunde, Familie und Gönner. Ich fühlte mich wie ein Mitglied der Band, Teil der Familie und war sehr froh bei der Fasnacht dabei zu sein.

Was mich am meisten an der Fasnacht beeindruckt hat, ist, wie organisch und natürlich es sich anfühlte, so wie sich alles in Luzern für mich anfühlt. Ich bin mir sicher, dass einige Leute damit beschäftigt sind alles zu planen, die Zeiten, die Umzüge, die Lizenzen der Essensstände. Aber das massgebliche Gefühl ist, dass dieses einzigartige Spektakel von den Menschen, die in Luzern leben, selbst geschaffen wird, von ihnen und für sie selbst. Es hatte weder eine touristische Komponente, noch fühlte es sich in irgendeiner Weise exhibitionistisch an. Jeder war nur da um Spass zu haben, die angespannte Energie eines rücksichtsvollen, braven, sicheren Jahres loszulassen. Aber auch um zu geben, zu bekommen, um Erfahrungen zu machen ohne zu urteilen, sich einer Reizüberflutung hinzugeben. Alle zusammen machten aus der ganzen Stadt eine Bühne, um sich gehen zu lassen, zu hören und sich voll und ganz zu Hause zu fühlen in der veränderten Stadt, die gleichzeitig fremd und wild und offen und familiär ist.

Ich schätzte mich sehr glücklich hier zu sein. So verrückt die Stadt während der Fasnacht war, es fühlte – und hörte sich an – wie zu Hause.

Tod Machover

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