Ein vorösterlicher Besuch in Luzern

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Cover KKL Workshop


Tod Machover, 2 April 2015
Gerade bin ich von meinem Besuch in Luzern nach Boston zurückgekehrt. In Luzern habe ich an verschiedenen Projekten für das diesjährige Sommerprogramm von LUCERNE FESTIVAL gearbeitet. Wie immer war Luzern wie eine Oase für mich, diesmal noch ausgeprägter als sonst. Mein letzter Besuch war während der lauten, kalten und feuchten Fasnacht und als ich vor drei Tagen nach Boston zurückkehrte, war der Winter immer noch da, der Boden der Felder meiner Farm aus dem 18th Jahrhundert schneebedeckt und die Luft eiskalt. So viel lebhafter waren die Tage in Luzern, der Frühling lag bereits in der Luft, der Himmel leuchtete intensiv blau, freundliche Gesichter und die spirituelle, ernste Musik des Oster-Festivals füllten die Kirchen und den Konzertsaal. Wie immer schätzte ich mich sehr glücklich in Luzern sein zu dürfen und bin nur ungern abgereist.
Was für eine intensive Zeit, voll mit Events, war das diesmal! Die meiste Zeit war für ein neues Projekt Fensadense reserviert. Im wunderbaren Südpol testeten und entwickelten wir die Musik und Technologie für das Fensadense Programm, das als Teil der Young Performance-Reihe am 12. September im Rahmen des Sommer-Festivals uraufgeführt wird. Es war speziell, so viel Zeit mit zehn aussergewöhnlichen Alumni-Musikern der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY zu verbringen. Wir diskutierten, probten und veränderten zusammen die musikalischen Ideen, die ich mitgebracht hatte. Wir arbeiteten an einem Programm aus sehr verschiedenen musikalischen Arrangements, die ich zusammengestellt hatte – von Bach zu früher elektronischer Musik (bis 1964) bis hin zu den Beatles, das alles mündet schlussendlich in meinem eigenen Fensadense, einer interaktiven fantastischen Komposition für Hyperinstrumente, die die neuste Technologie aus dem MIT Media Lab nutzt, um aus den zehn Musikern eine Art Super-Ensemble zu machen, das grösser ist als die Summe seiner Teile.Drei meiner Mitarbeiter des MIT, Ben Bloomberg, Peter Torpey und Garrett Parrish waren während der ganzen Zeit in Luzern dabei um eine neue Generation von hochentwickelten Sensoren und Messgeräten inklusive speziellen elastischen Armbändern sowie eine iPad Applikation (auf einem speziell dazu entwickelten Notenständer montiert) zu testen. Das Ganze ist wirklich „very cool“ und die Musik dazu nimmt jetzt Form an. Die Erfahrung dieses Gebens und Nehmens und das Experimentieren mit einer brillanten Gruppe junger Musiker und Techniker war eine der aufregendsten Erfahrungen, die ich machen durfte. Ich kann es kaum erwarten während der kommenden Monate die Musik für Fensadense zu komponieren, im August einzustudieren und Euch allen im September präsentieren zu dürfen!

 


Zusätzlich zu «Fensadense» haben wir aber noch viel mehr erreicht. Zusammen mit Michael Haefliger und Kollegen aus dem Künstlerischen Büro von LUCERNE FESTIVAL habe ich an der Pressekonferenz zum Sommer-Festival teilgenommen und die kommenden Themen und Projekte diskutiert. Ich habe auch Luzern erforscht und lokale Musiker getroffen, um weiteres Material für die Sinfonie für Luzern zu sammeln. Vor allem die Tour durch den Sedel mit dem Schlagzeuger Fredy Studer war beeindruckend sowie der öffentliche Workshop in der Jazzkantine mit Studenten der Musikhochschule. Der Besuch des Sedels war eine Offenbarung! Fredy Studer spielte mit der linken Hand und beiden Füssen verschiedenste, verrückte Rhythmen und mit der anderen Hand rührte und kratze er die Beckens mit diversen Sticks damit sie zu komplexen elektronischen Sounds mitschwingen. Gleichzeitig hörte man durch die mit Graffiti besprayten Türen und Wände der Gefängniszelle das Murmeln und Geschrei anderer Bands. Magic!


 

 

Ich war auch sehr beeindruckt von der Musikalität und Fantasie der vier jungen klassischen Musiker, die beim Workshop in der Jazzkantine mitgemacht und improvisiert haben. Mit einem speziellen Ensemble aus Flöte, Violine, Fagott und Piano (so klassisch, sogar romantisch) generierten diese kreativen Spieler überraschende Klänge aus dem Vierwaldstättersee, der Reuss und den Luzerner Brunnen und versuchten mit Rhythmen aus stampfenden Füssen und Stühlen, mit Gegenständen im Piano eine Fusion aus Wagner und Fasnacht! umzusetzen. Ausserdem spielten sie, auf meine Frage, welche Sounds von Luzern für sie wichtig sind, eine Improvisation ihres persönlichen Bildes von Luzern (Einsamkeit und Isolation). Ich werde alle diese Eindrücke verarbeiten, um damit das Material für Eine Sinfonie für Luzern zusammenzustellen. Es war inspirierend und berührend, solch brillante und unkonventionelle Musik zu hören. Diese jungen Musiker wie auch die Alumni der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY stimmen einen wirklich optimistisch für die Zukunft der Musik.

Noch mehr Optimismus zog ich aus den Hyperscore Workshops. Schüler aus verschiedensten Schulen haben mit Hilfe unserer Hyperscore-Software originelle Kompositionen ihrer Eindrücke von Luzern gemacht. Diese werden im Rahmen von LUCERNE FESTIVAL 40min beim Sommer-Festival präsentiert und sind auch ein Teil der Sinfonie für Luzern.
Und wenn wir schon von Inspiration sprechen: Ich habe mehrere Male einen Workshop mit jungen Leuten (8-16 Jahre) besucht, der vom brillanten Komponisten Luigi Laveglia begleitet wurde. Ich war wie hypnotisiert von den wunderbaren, originellen und sehr eigenen Kompositionen, die von jedem Schüler mit der ungewöhnlichen Linien-und-Farben-Oberfläche der Kompositionssoftware Hyperscore geschaffen wurden. Musik, die anschliessend in „traditionelle“ Noten transkribiert und von Musikern der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY gespielt wird. Ausserdem habe ich zwei ganz unterschiedliche Schulen besucht. Die öffentliche Schule Moosmatt mit Schülern aus allen Ecken dieser Welt sowie die private Four-Forest Schule. Auch hier erlebte ich eine Explosion von Kreativität und Enthusiasmus, was wiederum zeigt, dass jeder – mit Unterstützung und den richtigen Tools – wunderbare und individuelle Musik komponieren kann.


 

 

Mit diesen jungen Kids Zeit zu verbringen, durch ihre Stücke sie – und Luzern – besser kennen zu lernen, zu diskutieren, ist eine der Erfahrungen, die die Sinfonie für Luzern für mich so wertvoll macht – und ich bin mir sicher, dass diese Kreativität alle bereichert, die im September diese jungen Kompositionen und Komponisten hören werden.

Zum Abschluss dieses sehr intensiven Besuchs präsentierte ich im KKL einen öffentlichen Workshop um dem Publikum den momentanen Stand der Entstehung der Sinfonie für Luzern zu zeigen. Es war schlicht überwältigend so viele Sounds, Ideen, Kompositionen und Improvisationen von der Luzerner Bevölkerung zu erhalten. Zusammen mit meinen eigenen Erkundungen aus der Stadt und Region habe ich nun eine enorme Fülle an Material, die ich nun in die finale Sinfonie integrieren werde. Noch bis Ende April können weiterhin Töne aufgenommen und eingeschickt werden. Ich entscheide aber schon jetzt, wie das alles schlussendlich zusammenpasst, welche Aspekte von Luzern reflektiert und was für eine Emotion das Stücke haben wird. Was für ein spannender Prozess! Während dieses Besuchs in Luzern habe ich in meinem Hotelzimmer im Wilden Mann Elemente kombiniert und eine kleine „Teaser“-Komposition A Little Lucerne gemacht, um zu zeigen wie Luzern für mich klingt. Streicher, die die Geräusche des Luzerner Wassersystems wiedergeben, Perkussion und Bläser, die nach Kühen, Dampfschiffen und Alphörnern tönen bis hin zu Klarinetten, die Jodel-Duette imitieren, aber eigene, fliessende Melodien spielen. Kurz, die Sinfonie für Luzern nimmt langsam Form an.

Jetzt bin ich zurück in Boston, wo es immer noch nicht Frühling ist, aber ich fühle mich wie in Luzern: mein Herz und Kopf sind voll von den vielen Tönen, den vielen Freunden und den grossartigen musikalischen Experimenten, die mir LUCERNE FESTIVAL ermöglicht hat. Ich freue mich über die anstehende kreative Zeit, die vor uns liegt … Gleichzeitig bin ich auch ein wenig traurig, dass diese aussergewöhnlichen Projekte im September bereits ihren Höhepunkt erreichen werden… und ich denke bereits darüber nach, wie ich danach längerfristig für die Stadt Luzern, die wirklich zu meinem zweiten Zuhause geworden ist, einen musikalischen Beitrag leisten kann.

Warme Grüsse und zauberhafte Sounds aus dem kalten Boston!

Tod

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